Als Pastor (noch einmal) im Studium

Nachricht 11. Juni 2017
MFZStudiensemester2017
Foto: Matthias Fricke-Zieseniß

Als Emilia, unsere fünfjährige Tochter, gefragt wurde, was der Papa denn so in Göttingen tue, antwortete sie: „Er lernt da, was man als Pastor so macht.“ Das umschreibt, liebe Gemeinde und liebe Interessierte an unserer Homepage, natürlich nicht umfassend den Sinn des Studiensemesters, das ich gerade durchlaufe. Die Landeskirche bietet es jedem im Pfarramt in zehnjährlichem Intervall an und verspricht sich eine theologisch-gesellschaftswissenschaftliche Auffrischung der Kenntnisse. Da der Pastor ein Generalist ist und auch sein muss, will er den vielen beruflichen Aufgaben und vor allem den unterschiedlichen Lebenswelten seiner Gemeindeglieder einigermaßen gerecht werden, ist die Formulierung der Fünfjährigen eigentlich gar nicht so schlecht, finde ich.

Nach meinem eigentlichen, 14 Semester währenden Studium der Theologie in Göttingen, Bern und Rom, einem knapp zweijährigen Zivildienst im Annastift und dann dem gut zweijährigen Vikariat in Empelde und Hildesheim vor langer, langer Zeit, ist dieses Semester an der Uni Göttingen eine aufbauende, erfrischende und herausfordernde Zeit für mich. Unserer Landeskirche bin ich ebenso dankbar wie meinen Kollegen, die mich vertreten, besonders Frau Schiwek, wie auch dem Kirchenvorstand, der alles mitträgt. Und meine Frau? Sie gab und gibt den wichtigsten Anstoß und Beitrag zu diesem Fortbildungsexperiment!

Wie geht es nun? Freiheit zum Lernen will gelernt sein, das merke ich. Es setzt Freiheit vom Alltag mit seinen Zwängen voraus, Loslassen können also. Kennen Sie das, wenn Sie beruflich so eingespannt sind, dass Ihnen Abschalten schwer fällt?! Dazu braucht es Neugier und Lernbereitschaft. Wir Ältere meinen ja manchmal, wir wüssten schon alles oder doch zumindest genug... Schließlich tut auch ein bisschen Mut gut, sich in die Welt der jungen Leute zu begeben und gewissermaßen als „Grauesel“ zwischen den häufig Tablet-bewaffneten Mitstudierenden zu sitzen und zu arbeiten.

Im Rahmen der verschiedenen Veranstaltungen, die ich besuche, greife ich einmal zwei heraus, um einen kleinen Eindruck zu geben. Mit einer Gastdozentin aus Augsburg lernen wir etwas über Pädagogik in der Kindertagesstätte, klären also ihre Chancen und Schwierigkeiten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die Besonderheiten kirchlicher Trägerschaft, die Voraussetzungen, die unsere Kleinsten heutzutage mitbringen oder etwa welche Rolle die Elternhäuser spielen. Für meine enge Verbindung zum Nicolai-Kindergarten Eulenstraße ist das sehr nützlich und interessant. Ein ganz anderes Feld beackere ich am Mittwochmorgen, wenn sich ein ganzes Seminar mit der Frage beschäftigt, wie man nach Auschwitz noch Theologie treiben kann, wie also nach dem ungeheuerlich Unmenschlichen der damaligen Zeit Menschen noch von Gott reden können. Ein Thema, das mich seit Jahrzehnten packt und beeinflusst und letztlich ausgreift auf alle Bereiche, wo wir vor lauter Leid nicht mehr wissen, wie wir im Blick auf Gott beten, singen, vertrauen können.

Mit diesen vorläufigen Eindrücken grüße ich Sie herzlich aus Göttingen,

Ihr Matthias Fricke

Matthias Fricke Zieseniß 2
Pastor Matthias Fricke-Zieseniß